1. Kapitel aus dem Buch

 


Da!


Ein kleines Mädchen in Shanghai


Die Geburt

 

Ich springe ich auf, packe schnell ein paar Sachen ein, die man braucht  für eine lange Nacht und vielleicht einen anschliessenden Tag und gehe hinunter auf die Strasse, ein Taxi suchen, es ist eine kalte Dezembernacht.

Sophie hat mich grade angerufen und mir gesagt, ich solle sofort ins Krankenhaus kommen, es gehe los, sie habe ein Wehenmittel bekommen, das die Geburt auslösen soll und die Wirkung werde in Kürze einsetzen. Sie brauche mich jetzt.

Der Taxifahrer schaut mich mit einem warmen Blick von der Seite an, als er die Adresse hört:

Di yi fu ying Krankenhaus. Es ist ein Krankenhaus speziell nur für Geburten und Abtreibungen, wie es einige gibt in Shanghai, aber dieses ist bekannt als das beste von ihnen. In seinen Blick ist etwas Humor gemischt, alle Taxifahrer der Welt, jedenfalls wenn sie länger im Job sind, kennen wahrscheinlich den Anblick von besorgten Vätern unterwegs in Krankenhäuser..... 

Die Hochhäuser im kalten Nachthimmel ziehen an mir vorbei wie Kulissen in einem Film. Wir sind auf einer Hochstraße, einer Stadtautobahn auf Stelzen, unterwegs Richtung Stadtzentrum.

Am Eingang die blau Uniformierten in ihren dicken Wintermaenteln ziehen verschlafen an ihren Zigaretten, weiter hinten das vierstöckige, rosarot und weiß angestrichene Gebäude, von Scheinwerfern  bestrahlt, das aussieht als sei es vom Ende des 19. Jahrhunderts, Jugendstil, historistisch...verschnörkelte Fassade, daneben  lieblos hineinragend Glasfassaden von neueren Gebäuden. Die Gänge eng, weil auch hier Mütter in Betten liegen, die auf die Geburt warten, davor auf kleinen Hockern Gatten oder andere Verwandte, Taschen und Decken aufgetürmt daneben. Die rote Leuchtschrift an der Decke zeigt die Zeit: 22: 47. Die diensthabenden Schwestern hinter einem kleinen Schreibtisch schauen kurz auf, als ich auf das Zimmer zueile, in der Sophie liegt. Ich bin ein Exot hier, einer der wenigen Ausländer, die sich hier her trauen, Sophie ist seit zwei Tagen in der Klinik, ich habe sie regelmäßig besucht und bisher keinen anderen Ausländer gesehen.

Ich kann kaum die Tür öffnen, so dicht gedrängt ist das Zimmer voll von Betten und Menschen und ein Schwall von dumpfem Geruch schlägt mir entgegen. Alle Lampen sind schon aus, nur durch die Fenster kommt noch Licht, das kalte Licht der Stadt, ich suche mir einen Weg, ein schmaler Pfad ist noch frei zum Bett von Sophie, die ganz hinten bei den Fenstern liegt. Nein, sie sitzt, begrüßt mich dankbar, Tränen in ihrer Stimme. Es tut schon weh, ab und zu in Wellen kommen die Schmerzen. Ungefähr alle fünf Minuten wütet der Schmerz zwei bis drei Minuten lang und muss so stark sein, dass Sophie zusammenzuckt, laut losschreien möchte, aber sie beißt die Zähne zusammen und stöhnt nur leise, weil noch fünf andere Frauen im Raum liegen, manche schlafen schon. Ich setze mich zu ihr, küsse, umarme sie, halte sie fest, besonders dann wenn die Schmerzen kommen. Sie sagt, ich soll für sie beten. „Gott Vater im Himmel bitte hilf uns jetzt, wir brauchen dich, hilf uns dass alles gut geht und ein gesundes Kind geboren wird und die Mutter heil durch alles hindurchkommt“ sage ich leise vor mich hin, schicke es nach oben, wo er sein muss, irgendwo dieser gütige Vater, natürlich nicht oben, sondern ganz woanders, jenseits von Zeit und Raum, wo immer das ist.

Da sitze ich jetzt neben dieser chinesischen Frau in einem Krankenhaus in Shanghai und diese chinesische Frau kommt mir gar nicht chinesisch vor, sondern sehr vertraut, altvertraut, sehr lange bekannt, wie eine Schwester, eine Tante, eine Mutter, jemand aus der eigenen Familie… und dieses Kind in ihrem Leib, das ist mein Sohn, ja wahrscheinlich wird es ein Sohn, ich habe so ein Gefühl…, vier Jahre kennen wir uns jetzt schon, seit zwei Jahren verheiratet, so vieles zusammen schon erlebt, geteilt, ausgetauscht, zusammen gestritten, zusammen geweint, zusammen geschlafen…

Schon als ich sie zum ersten Mal sah, wusste ich, dass ich sie heiraten würde, heiraten sollte, seltsam…

Die Schmerzen kommen und gehen, die Zeit vergeht in dem dämmrigen Zimmer wie in einem Traum, wie im Halbschlaf, manchmal nicke ich auch ein, wache wieder auf und höre Sophie leise stöhnen, halte sie wieder fest, küsse sie, „Halt durch! Wir schaffen das! Bald haben wir ein Kind!“

Sophie weint, hält ihren Bauch, „Er bewegt sich wieder, er schlägt um sich“ Auch sie sagt jetzt meistens „Er“, weil sie sich hat von mir überzeugen lassen, dass es ein Junge wird, obwohl sie sich ein Mädchen wünscht, das einmal ihre beste Freundin werden soll.. “Hier, du kannst es fühlen“

Tatsächlich, ich spüre ein Pochen unter der Haut auf ihrem prall gespannten Bauch.

Ab und zu tauchten Nachtschwestern auf in ihren hellen Kleidern: „Wie geht’s?“ Flüsternde Gespräche…. sie verschwinden wieder im Dunkel.

„Ich brauche Wasser“

Ich hole die Wasserflasche. Sophie trinkt in schnellen Zügen, ihre Haare sind schweißverklebt.

„Aaah“ Sie zuckt wieder zusammen, eine Schmerzwelle kommt.

 

Morgens um fünf klingen die Schmerzen allmählich ab. Der Morgen dämmert blass herauf, kalt zieht ein Luftzug durch die alten, schlecht schließenden Fenster.

Aber was war das? Die Fruchtblase ist nicht geplatzt, das Kind nicht herausgekommen, gar nichts ist passiert....

Und dafür all diese Schmerzen die ganze Nacht.

„Aber Du hast mir doch gesagt, dass sie jetzt die Geburt einleiten, hast du dich geirrt?“

„Ja das haben Sie mir gesagt, aber ich weiss auch nicht, warum jetzt nichts passiert ist.“

Sophie ist zutiefst enttäuscht: All die Schmerzen für gar nichts. Sie hofft immer noch auf eine Kaiserschnitt-Operation, die man ihr nicht gewähren will, es sei dann alle anderen Möglichkeiten fruchten nicht. Sie ist 39 Jahre alt, hat ein seltsames Gewächs in einem ihrer Eileiter und hatte deswegen vor zehn Jahren auch schon eine Operation. Das Ding sei zwar wieder angewachsen, aber im Augenblick ruhig, könne aber jederzeit zur Gefahr werden, wenn es weiter wachse. Die ganze Schwangerschaft stand schon unter dem Damoklesschwert dieses Ungeheuers in ihrem Bauch. Würde es ausbrechen, sich breit machen, müsste man es weg operieren, dann wäre das Kind im Mutterleib in Gefahr.

Zum Glück ist es still geblieben. Aber Sophie hat auch Angst vor einer natürlichen Geburt, weil sie schon so alt ist und das Gewebe nicht mehr so leicht dehnbar wie bei jungen Frauen.  Auf alle Fälle besteht sie auf eine Schmerzstillende Lösung, die ins Rückenmark gespritzt wird beim Geburtsvorgang, aber ob sie die wirklich bekommt, steht ebenfalls in den Sternen. Nur wenn es unbedingt notwendig sei, heißt es.

Wir hätten natürlich in eine ausländische, westliche  Klinik gehen können und dort eine Kaiserschnitt-Geburt bestellen können bei einem Arzt unserer Wahl, aber das war uns viel zu teuer, das hätte Unsummen verschlungen. Die auf westliche Kundschaft ausgerichteten Privatkrankenhäuser in Shanghai richten ihre Preise am Lebensstandard des  Führungspersonals westlicher Firmen und deren Krankenversicherungen aus. Aber auch die meisten chinesischen Krankenhäuser haben Abteilungen für reiche Kunden eingerichtet, die dort Einzelzimmer und einen Service bekommen von dem die  allermeisten Chinesen nur träumen können.

Bei meinem spärlichen Lehrergehalt hätte das fast alle unsere Ersparnisse weggefressen und Sophie ist eine sparsame Frau. Ich bekomme hier in Shanghai ein Gehalt, das dem eines chinesischen Hochschullehrers entspricht. Das ist sehr bescheiden, wenn man es vergleicht mit dem was etwa deutsche Führungskräfte deutscher Firmen hier in Shanghai verdienen.

Sophie hatte während der ganzen Schwangerschaft Angst. Angst vor einem Anwachsen des kleinen Monsters in ihrem Eileiter, Angst davor, an einen unerfahrenen Arzt oder eine unerfahrene Ärztin zu geraten im Augenblick der Geburt - man kann sich den Arzt nicht aussuchen, sondern muss den nehmen, der zum Zeitpunkt der Geburt Dienst hat - Angst vor Komplikationen beim Geburtsprozess, Angst vor den Schmerzen und davor, dabei keine Abhilfe zu bekommen, Angst weniger davor, dass die chinesischen Ärzte doch nicht auf der Höhe des westlichen Standards an medizinischem Fachwissen sind, sondern eher davor, gestressten, harten, lieblosen Ärzten und Schwestern in die Haende zu fallen im entscheidenden Augenblick der Geburt. Viele chinesischen Ärzte haben im Westen studiert, die Medizin, auch die medizinische Ausbildung an den Hochschulen, ist ganz nach westlichem Vorbild ausgerichtet und die meisten Krankenhäuser in den großen Städten im Osten des Landes sind auch schon so ausgerüstet. Und das Di Yi Fu Ying Krankenhaus hat einen hervorragenden Ruf in ganz China. Aber eben deshalb  ist hier der Andrang  so riesig, dass das Personal unter höherem Druck steht, gestresst und genervt von den vielen hilfesuchenden gestressten Müttern und deren Verwandten. Aber die tiefste Angst Sophies ist die, zu sterben.... Manchmal zur Zeit der Schwangerschaft lag diese Angst wie eine dunkle Wolke über ihr, so dunkel, dass sie gar nicht darüber sprechen mochte und ich nur mit Mühe ihr das Geständnis entlocken konnte, dass dies ihre eigentliche und größte Angst sei. Als sie das aus sich herausbrachte, brach sie weinend zusammen und ich konnte sie nur mühsam trösten, wieder beruhigen und aufrichten. Was mir nur schwer gelang, denn auch ich konnte sie deutlich spüren und mit Händen greifen, diese dunkle Wolke der Todes, die über uns lag, die reale Möglichkeit, zu sterben.

 

 

Am nächsten Morgen bei der Visite, bei der alle Angehörigen nach draußen geschickt werden, also auch ich, bekommt Sophie keine klare Auskunft über den Sinn und Zweck der ganzen Veranstaltung in der vergangenen Nacht. Sophie ist danach zutiefst erregt und besorgt. Was geschieht hier, was soll das?

Ich rufe Wolfgang an, einen Freund, einen 35jährigen Chinesen, der seit seinem zehnten Lebensjahr in Deutschland aufgewachsen war.  Sein größtes Trauma in Deutschland als Heranwachsender war, dass er nicht die richtigen Marken-Kleider kaufen konnte und damit in der Schule sich ganz verlassen fühlte. Sobald er aber als vierzehnjähriger einen ersten Job ergattern und sein erstes Geld verdienen konnte, ging er sofort einkaufen. Er hat in Deutschland und USA studiert, einen Abschluss in Betriebswirtschaft, ein Diplom als Elektroingenieur und hat einige Zeit als Abteilungsleiter einer deutschen Firma in Shanghai gearbeitet, aber die Firma zog nach Korea weiter, wohin er nicht mitgehen wollte, deshalb ist er jetzt arbeitslos, aber mit seinen Qualifikationen wird er bald einen neuen Job in Shanghai finden. Die Stadt tost und rast vor Geschäftigkeit, dauernd machen neue Firmen auf, neue aus aller Welt ziehen hier her, es wird überall wie verrückt gebaut. Ein befreundeter deutscher Manager und Unternehmensberater erzählte mir, sein chinesischer  Leiter der Personalabteilung zeigte ihm Kandidaten, die er für einen neuen Job geeignet hielt.  Zu seiner Verwunderung zeichneten sich diese Kandidaten dadurch aus, dass sie sehr schnell die Firmen wechselten, manche schon nach wenigen Monaten.  Aber das sei doch gut, habe der Chinese gesagt, das zeige doch, dass diese Leute aufstrebend seien, vorwärts kommen wollen, tatkräftig und intelligent seien.

Die Leute bewegen sich schnell. Auch auf den Strassen. Es gibt viele Jobsuchende, aber auch Jobangebote, die Stimmung ist aufgeregt, aber auch gestresst, Angst und Euphorie mischen sich in einem disharmonischen Konzert. Während die einen in Luxusvillen leben und Porsche fahren, hausen die anderen in Hütten am Fluss.

Wolfgang kommt noch am fruehen Morgen und wir bitten ihn, mit den zuständigen Ärzten zu sprechen, um zu klären, was denn gestern Nacht geschehen sei und wie es weitergehe. Sophie kann sich kaum bewegen mit ihrem dicken Bauch und ich kann nicht genug Chinesisch, um so schwierige Fragen zu klären. Nach einigem Beratschlagen macht sich Wolfgang, ein schwerer, rundlicher, gutmütig wirkender Mensch auf den Weg. Ich folge ihm. Er landet bei einem Schwesternzimmer, dessen Tür offen steht. Aber wir sind nicht die einzigen, die Auskunft suchen. Vor uns drängt ein Knäuel von Menschen in das Zimmer hinein, wir können uns nicht vorkämpfen an den anderen vorbei, wir warten hinten und hören die aufgeregten Stimmen durcheinander schreien in einem Getöse, das das ganze Krankenhaus zu erfüllen scheint.

Endlich findet Wolfgang eine Lücke und ein Gesicht, das sich ihm zuwendet. Es ist ein irgendwie edles Gesicht, eine lange leicht gebogene Nase und gütige ernste Augen blicken ihn an und dann kommt er sogar weiter nach vorne und steht ihr jetzt direkt gegenüber. Wolfgang hat eine sehr ruhige Art zu reden, da ist kein Ton des Vorwurfs in seiner Stimme und die junge Frau nimmt sich Zeit, ihm zu antworten. Ab und zu deutet Wolfgang auf mich, stellt mich als Vater vor und ich kann sehen, dass meine westliche Herkunft ihr einen gewissen Respekt einflößt.

Sie ist die heute zuständige Stations-Ärztin und erklärt, dass es heute Nacht nur darum gegangen sei, das Gewebe rund um den Muttermund zu lockern, man habe schon damit gerechnet, dass es eventuell nicht zum Geburtsvorgang komme, aber es sei ein Versuch gewesen. Man müsse jetzt der Mutter einige Zeit Ruhe geben, sich zu erholen, dann könne man morgen einen neuen Versuch starten.

In chinesischen Krankenhäusern sei es nicht üblich, den Patienten zu erklären, was man mit ihnen anstelle und warum. Sie seien es auch nicht gewohnt, dazu Fragen zu stellen und Antworten zu erwarten, erzählte mir einmal ein Medizinstudent aus Marburg, der einige Zeit an einer der fortschrittlichsten Universitätskliniken in China als Praktikant verbrachte. Aber vielleicht ändert sich das ja jetzt gerade. Die schreienden Angehörigen vor und in dem Schwesternzimmer jedenfalls wollten ganz viel wissen. Ein befreundeter junger chinesischer Arzt erzählte uns sogar, die Ärzte in China hätten in letzter Zeit regelrecht Angst vor Patienten, weil es so oft vorkomme, dass empörte Angehörige Ärzte zusammenschlagen oder mit Messern auf sie einstechen. Die Ärzte wiederum seien durch das Lohnsystem zu miesen Verkäufern verkommen. Sie bekämen nur ein ziemlich mickriges Grundgehalt, das jedoch bedeutend erhöht werden könne durch den Verkauf möglichst teurer Medikamente, Operationen, Analysen und Untersuchungen.

 

 

Die Ärztin kommt kurz danach ins Zimmer zu Sophie und hat ein längeres Gespräch mit ihr, was sich anhört und anfühlt wie eine liebevolle Begegnung auf einer Insel, die vom Sturm umtost ist und die Brecher des Ozeans schleudern turmhoch ihre Gischt über die Felsen. Die Frau spricht beruhigend auf Sophie ein,  die immer wieder in Verzweiflung, Wut und überdrehtes Geschrei auszubrechen droht und nur mühsam die Flut von Tränen bändigen kann, die sie immer wieder überwältigt. Der aufgewühlte Ozean ist nicht nur die Angst, in die Sophie zu versinkenen scheint, sondern auch die gesammelten Ängste all der anderen Frauen um sie herum und die Ängste der dicht zusammengeballten, hin und her rennenden, sich reibenden, schreienden, spuckenden, keuchenden, um ihr Überleben kämpfenden, um Fortkommen, Aufstieg und Erfolg streitenden Menschen in der ausufernd großen Stadt, die sich durch ein beständiges drohendes Rauschen durch die leicht geöffneten Fenster ins Zimmer schiebt.

Die Frau sichert Sophie zu,  dass sie ein schmerzstillendes Mittel bekommen wird kurz vor dem eigentlichen Geburtsvorgang, das in das Rückenmark eingespritzt und die Schmerzen aus dem Unterleib ganz entfernen werde, ausserdem  sei eine erfahrene Ärztin bei ihr oder doch zumindest eine erfahrene Hebamme und wenn nicht bis in drei Tagen die Geburt geschehen sei, würde auch ein Kaiserschnitt gemacht. Ein Kaiserschnitt sei allerdings gefährlich wegen ihrem Gewächs im Eileiter und würde deshalb nur im Notfall in Frage kommen.

Sie sprechen länger als es eigentlich notwendig ist, um diese Informationen zu vermitteln, weil Sophie immer wieder nachfragt, zweifelt, angreift und sich festbeißt und dabei mit solcher Lautstärke spricht, dass sie alle Blicke im Raum auf sich zieht und die anderen wie bei laut gestikulierenden Handysprechern in der U Bahn alles mithören können und trotz Sophies heftigem emotionalen Aufruhr bleibt die Weissgekleidete ruhig und gefasst, nur eine leichte Spur von Widerwillen und unterdrücktem Ärger rumort in ihrem Gesicht. Vielleicht schenkt sie Sophie auch soviel Zeit, ungewöhnlich viel Zeit,  weil sie mich, einen westlichen Ausländer als den Vater weiß. Währenddessen dreht sich der Getriebe des Krankenhauses rasend schnell um die beiden, immer wieder wird das Gespräch kurz unterbrochen von Fragen anderer Frauen, untergebenen Schwestern und Pflegehelfern, die sie kurz und abwimmelnd beantwortet, um sich Sophie zu widmen so lange bis die sich endlich beruhigt hat, ausatmet und sich zurücklegt und dankt und sich die Frau verabschiedet und leicht lächelnd, würdig, mit ruhigem Gang durch den Tumult um sie herum entschwindet.

Sophie bekommt einen Tag „frei“, um sich aus zu ruhen, am nächsten Nachmittag soll es losgehen, noch ein Versuch, die Geburt einzuleiten, soll unternommen werden, diesmal direkt in den Entbindungsräumen. Ich bleibe über Nacht bei Sophie und lege mich neben sie in das viel zu schmale Bett, um ihr nahe zu sein und Unterstützung zu geben. Ich bin nicht der einzige Mann, der im Bett seiner Frau übernachtet. Zum Glück wird das hier erlaubt.

Ich lege meine Hand auf Sophies Bauch und spüre ihren Atem nahe an meinem Gesicht.

„Es wird alles gut gehen…“ sage ich „Gott beschützt uns“ „Ja das glaube ich auch“ sagt Sophie.

Es ist eine unruhige Nacht, denn ein paar der Frauen im Zimmer haben ihr Kind schon bekommen, so dass diese ab und zu in der Nacht hungrig krähen und versorgt werden müssen. Die meisten Mütter haben sich eine sogenannte „Ai“ besorgt, eine Frau, die sich rund um die Uhr um das Baby kümmert, damit sich die Mutter noch vom Geburtsstress erholen kann. Eine private Ai-Agentur bietet diesen Service an. Die Hilfsfrauen sind aber wie normale Schwestern gekleidet.

Ich habe meine Hose an und meinen Pullover, es ist ziemlich kalt im Raum, außerdem weil ich mich sowieso seltsam fühle, nachts in einem Krankenhaus im Bett meiner Geliebten, umgeben von anderen Betten mit Pärchen. Ich decke mich notdürftig zu und kuschele mich eng an Sophie. Bald werden wir ein Kind haben, dort am Ende des Tunnels kann ich das Licht sehen…..

Am nächsten Morgen kommen Sophie Eltern wieder und bringen große Taschen mit, vollbepackt mit Esswaren und all den Dingen, nach denen Sophie verlangt.  Jetzt wird es voll im Raum, denn auch zu anderen Frauen kommen Eltern oder Verwandte. Ich gehe raus auf den Gang, damit Sophies Mutter, eine schwere kleine Frau, Platz hat, sich neben Sophie aufs Bett zu setzen und Papa quetscht sich auf einen kleinen Hocker im schmalen Gang zwischen Sophies Bett und dem Bett gegenüber.   

Die Eltern bringen für Sophie das Gefühl von Normalität und Geborgenheit in das chaotische Krankenzimmer, sie reden viel und laut in ihrem Shanghai-Dialekt, den ich nicht verstehe und der sich stark von der chinesischen Hochsprache unterscheidet. Zum Mittagessen gehen Sophies Eltern und ich in ein kleines billiges Restaurant unweit vom Krankenhaus, das Sophie und ich bei unseren regelmäßigen Vorsorge-Untersuchungen im Krankenhaus entdeckt hatten. Der Wirt dort kennt mich schon und begrüßt freundlich meine Schwiegereltern. Ich kann mir an ihren Blicken und Gesten denken, worüber sie sich unterhalten: Über mich, Sophie und das Kind, das bald kommen wird. Der Wirt hat Sophie noch im schwangeren Zustand gesehen. Das Lokal ist sehr billig und sieht aus wie eine alte gemütliche Kneipe, Holzbänke und Holztische, alte Stiche an den Wänden. Es ist zu Mittag immer voll von Menschen und es ist nur schwer, einen Platz zu finden. Man sitzt Rücken an Rücken und stößt mit Knien an andere Knies.  

Nachmittags gegen drei Uhr steht Sophie auf, streift sich ihren blauen Morgenmantel über, ich nehme ihren Rucksack auf meine Schulter. Sophies Mutter trägt eine Tasche. Sophie geht voraus, neben ihr die Mutter, ich hinterher. Wir gehen einen Stock höher zum Entbindungsraum.

Die Tür zu dieser Station ist nur von innen zu öffnen. Vor ihr sitzt und steht eine Anzahl von, Verwandten, Freunden, Bekannten der Schwangeren, die darauf  warten, die frohe Botschaft zu hören: „Es ist so weit! Das Kind ist geboren!  Es ist ein Junge!“ Es ist das Jahr des Drachen, der in China ein Glückssymbol ist und für Kraft, Macht, Reichtum, Energie und Erfolg steht. Die Kaiser hatten den Drachen als ihren Schutzgott und in ihren Palästen in Beijing ist er allgegenwärtig als Bild und Skulptur auf Wänden, Mauern, Dächern und Gewändern. Deshalb versuchen dieses Jahr, viele Paare Kinder zu bekommen, am besten natürlich einen Sohn. Eine Tochter sollte nach einem alten Sprichwort  besser im Jahr des Phönix geboren sein. Der Vogel Phönix ist nicht so wild, feurig und stark wie ein Drache, er ist sanft, geschmeidig, geheimnisvoll und weise, passt also in den Augen der Chinesen besser zum weiblichen Wesen.

Viele warten schon lange vor der Tür. Sie haben Decken und Proviant mitgebracht, manche schlafen, andere lesen Zeitung, Es ist Ende Dezember, ein kalter Windhauch zieht durch die Gänge, die Leute sind in dicke Mäntel gehüllt. 

Wir stehen vor der Tür, Sophie klingelt, die Tür geht auf, eine Schwester begrüßt Sophie, ich überreiche ihr den Rucksack, küsse sie kurz auf die Wange, werfe einen Blick ins Innere, ein breiter Gang, metallische kleine Wagen an den Wänden für medizinische Geräte, die Wände in bunten Kinderfarben gestrichen, rosa und hellblau. Dann fragt Sophie die Schwester, ob sie auch wirklich eine Fachkraft bekommen wird bei der Geburt, eine Hebamme oder eine Schwester. „Das können wir nicht garantieren“ sagt die Frau, „ Das kommt ganz darauf an, wenn zu viele Geburten gleichzeitig laufen, kann es sein, dass Sie ohne auskommen müssen, aber wir sind alle gut ausgebildet“ „Das können Sie nicht garantieren?“ Sophie wird laut.“ Die Oberärztin auf meiner Station hat mir gesagt, das kann sie garantieren, Ich werde auf jeden Fall eine Ärztin oder Hebamme bekommen, die mir bei der Geburt hilft!“ „Ich weiß nicht, was die Ärztin Ihnen gesagt hat, wir tun unser Bestes, aber manchmal ist hier einfach zu viel los, besonders in der Nacht, da ist nur noch eine Ärztin da“ „Oh mein Gott…Und die Schmerzen, werd ich ein schmerzstillendes Mittel bekommen, das hat mir die Oberärztin auch zugesagt“ Sophie schreit jetzt fast „Das kann ich Ihnen leider auch nicht garantieren“ sagt die Schwester. Eine Ärztin hat sich jetzt zu der Schwester gesellt. Sophies lauter Tonfall erregt Aufmerksamkeit, die Leute aus dem Wartezimmer stehen auf und strömen zur Tür, Schwestern kommen aus den Zimmern und eilen herbei. „Manchmal ist in der Nacht nur noch ein Anästhesist hier, und wenn wir dann zwei oder drei Geburten gleichzeitig laufen haben, dann kann nicht jeder ein schmerzstillendes Mittel bekommen. Das können nur Fachärzte geben.“ „Aber das wurde mir zugesagt“ schreit Sophie und beschwert sich jetzt volle Lautstärke über diese Art von Behandlung, sie werde unter diesen Umständen hier nicht entbinden, sie sei entsetzt, alle Zusagen würden nicht eingehalten! In ihren lautstarken Protest bellt ihre Mutter ab und zu mit tiefer Stimme grollend dazwischen und die Schwestern erheben ein wildes Geschnatter, ein Tumult entsteht, die Leute laufen zusammen bis Sophie und ihre Mutter unter Protest abziehen und ich mit ihnen zurückkehre ins Patientenzimmer einen Stock tiefer.

Sophie ist außer sich und zusammen mit ihrer Mutter erklärt sie lautstark allen dort versammelten Müttern was ihr geschehen ist. Aber eine Frau im Raum, die ihr Kind schon bekommen hat, erzählt, dass sie ein Schmerzmittel bekommen habe, aber es habe gar nicht gewirkt, sie habe wahnsinnige Schmerzen gehabt, Stundenlang, aber der Geburtskanal öffnete sich nicht und am Ende blieb dann doch nichts anderes übrig, als einen Kaiserschnitt zu machen.    

Die so gütig aussehende Ärztin erscheint wieder, um Sophie zu beruhigen. Sie gibt zu, dass sie nicht die ganze Wahrheit gesagt habe. Es gebe eben manchmal Engpässe in der Versorgung, da könne man nichts machen. Das beruhigt Sophie natürlich gar nicht. Mit einem Ruck sind alle Gewissheiten unter ihren Füssen hinweggezogen worden, sie ist im freien Fall. Sie hat Angst.

Wenn sie jetzt eine sogenannte VIP wäre, also viel mehr bezahlt hätte, sähe die Lage ganz anders aus, dann könnte sie sicher sein, dass ein Anästhesist und ein Arzt, der auch einen Kaiserschnitt durchführen kann, zur Not bereit steht und eine ausgebildete Hebamme die Geburt begleitet. Sophie hofft jetzt auf einen Kaiserschnitt als Ausweg und verlangt heftig und flehentlich danach, aber die  Ärztin erklärt wieder in offensichtlich mühsam errungenen ruhigen Tonfall, dass wegen des Gewächses in der Eileiter diese Operation sehr gefährlich sei und einen Spezialisten erfordere, der zur Zeit gar nicht in ihrem Krankenhaus sei und von einem anderen angefordert werden müsste.

Jetzt gibt Sophie auf und überlässt sich mit düsterem Gemüt ihrem Schicksal. Ich sage ihr, jetzt könne nur noch beten helfen, sie solle darauf vertrauen, dass unser himmlischer Vater ihr beistehe.

Wieder wimmelt Sophie meine Vorschläge ab, durch mehr Geld einen besonderen Service zu kaufen.

Am Abend wird Sophies Fruchtblase geöffnet, um dadurch die Geburt einzuleiten. Sophie schickt mich nach Hause und bleibt in ihrer riesengroßen Windel alleine zurück. Das Wasser strömt heraus die ganze Nacht, aber das Kind regt sich nicht, drängt sich nicht dem Ausgang entgegen.

Am Morgen um neun Uhr muss Sophie auf die Entbindungsstation, denn jetzt muss das Kind raus, zu viel Fruchtwasser ist schon entwichen. Ich begleite sie mit den notwendigen Habseligkeiten in Taschen zur Tür der Geburtsräume, betreten darf ich sie nicht. Das würde erst in der letzten Phase der Geburt, wenn das Kind dabei ist, heraus zu kommen, erlaubt. Sophie würde mich rufen, wenn es so weit sei.

Ich spüre mein Handy in meiner Hand, das ist jetzt meine Verbindung zu ihr, küsse sie und sehe wie die Tür vor meiner Nase zuklappt. Jetzt muss ich warten wie alle anderen auch, die mit bangen Mienen auf den roten Plastikschalen hocken.

Ich gehe spazieren und wandere im Schneetreiben durch die Strassen, vorne an der Ecke bei der U-Bahnstation wächst ein riesiger Koloss in den grau verwehten Himmel empor, zwei mächtige Türme ragen in den weissen Nebel hinein. Lächerlich winzig wie aus einem mittelalterlichen Dorf sehen dagegen die kleinen Häuschen aus Kolonialzeiten aus, die in derselben Straße noch stehen. Ich habe mich schon oft gewundert und ich tue es immer noch und immer wieder, wie die etwas schmächtigen, in der Mehrzahl kleinen, jedenfalls was die ältere Generation betrifft, kleinen Menschen solche gigantischen Ungetüme aus Stahl, Glas und Beton bauen können, die in Shanghai und den großen Städten überall herumstehen in großer Zahl und ständig kommen neue dazu. Allerdings habe ich, wenn ich sie sehe, meistens das Gefühl, als seien sie nicht echt, sie kommen mir vor wie aus Pappe, Kartenhäuser, die jeden Moment einstürzen könnten.

Sophie bekommt eine Infusion und die Schmerzen setzen schnell ein in einer Intensität die weit höher scheint als das was sie beim ersten Versuch erlebt hat. Auch die Geschwindigkeit mit der die Atempausen zwischen den Schmerzintervallen verschwinden ist höher. Wenn Sophie daran denkt, dass dies erst der Anfang ist und es dann meistens viele Stunden dauert bis die Geburt einsetzt, kann sie  die Schmerzen kaum mehr ertragen. Eine Frau neben ihr brüllt immer wieder wie ein Tier und schreit dazu nach einer Operation, die sie endlich von der Raserei erlösen soll.

Aber die Schwestern kennen das schon und lassen sie mit ein paar tröstenden Worten wieder allein und weiterschreien.

Ich hatte gehofft, dass gegen Mittag die frohe Botschaft kommt und ich in die Entbindungsstation gerufen werde, aber um zwei Uhr ist immer noch keine Nachricht gekommen. Immer wieder schaue ich auf das Display, überprüfe ob das Handy auch genug Strom hat, das Handy scheint völlig in Ordnung, aber ist Sophie in Ordnung? Ich rufe an und Sophies Stimme scheint weit weg zu sein, völlig erloschen, am Ende ihrer Kräfte. Ich mache ihr Mut so gut ich kann, je länger es dauert, desto näher kommt die Geburt, sage ich, Sophie weint.

Gegen drei kommt ihre  SMS, dass sie es aufgegeben habe, eine natürliche Geburt zu erwarten, jetzt könne nur eine Operation noch helfen. Sophie ist verzweifelt, die Schmerzen halten ungemindert an. Ich stehe draussen auf der Strasse und schaue den im Rohbau stehenden Turm entlang nach oben in den verhangenen Himmel und eine dunkle Wolke der Angst und Bedrückung liegt über mir. „Bitte Vater, hilf Sophie, dass alles gut geht, dass das Kind gesund zur Welt kommt und Sophie das gesund überlebt! Bitte Bitte! lass die Geburt endlich losgehen!“ rufe ich still nach oben in den Nebel hinein.

Gegen vier tauchen zwei Frauen auf,  eine Ärztin und eine Schwester, die Sophie Hoffnung geben, die Vagina sei schon zwei Finger weit offen, wenn sie drei Finger weit offen sei, könne man versuchen, das Kind herauszuziehen. Ausserdem sagen sie Sophie, dass die Schmerzen bei der eigentlichen Geburt nicht stärker sondern geringer seien als jetzt. Sophie fällt ein Stein vom Herzen: Wirklich? Sie kann es nicht glauben, außerdem würde sie ganz sicher auch ein Schmerzmittel bekommen. Und eine Hebamme sei bei ihr, eine Ärztin stehe auch bereit. Die beiden kommen ihr wie Engel vor.

Gegen fünf plötzlich Sophies Anruf, ich soll kommen, es geht los!

Ich renne hoch zur Entbindungsstation. Sophies Mutter steht besorgt an der Tür. Sie ist schon informiert, drückt mir eine Tasche mit Wasserflaschen und Papiertaschentüchern in die Hand. Ich werde hineingelassen, muss blaue Kunststoffhüllen über meine Schuhe ziehen.  Sophie kommt mir entgegen, einen blauen Bademantel um, ihr Gesicht aufgelöst in Tränen, sie sinkt in meine Arme. Ich bin dankbar dass ich das jetzt erleben darf, irgendetwas Grosses geschieht und ich bin Teil davon.

Mühsam schleppt sie sich von mir gestützt in einen der Entbindungsräume, es gibt vier oder fünf auf dieser Station. Dann wird sie tatsächlich auf so einen Liege gehoben, wie ich sie schon in Filmen gesehen habe. Links und rechts Stützen für die Beine, die Beine weit auseinander, ich werde zum Kopfende des Bettes bugsiert, wohl damit ich nicht so genau sehen kann, was dort unten los ist, wo das Kind jetzt sehr bald rauskommen muss, so hoffen wir.

Zwei, drei Schwestern kümmern sich jetzt um Sophie. Rechts von mir hinter einem blauen Plastikvorhang ist eine andere Frau dabei, ein Kind zu gebären. Eine Schwester, vielleicht eine Hebamme feuert die Schwangere an mit „ Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!“

Es kommt es kommt es kommt es kommt es kommt!

Und immer wieder in voller Lautstärke: „Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!“

Mit hoher fasst kreischender Stimme wie ein irrer Singsang... „Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!“

Jetzt sagt die Geburtshelferin zu Sophie, sie solle rythmisch einatmen und dann drücken mit aller Kraft,  und ausstoßen das Bündel.... und

„Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Jetzt ruft auch eine der unseren Schwestern den beschwörenden Gesang in den Raum.

Immer wieder versucht es Sophie, aber nichts bewegt sich.

„Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Die Bewegungen der Schwestern um uns herum sind schnell, hektisch, als ob es ganz eilig wäre, wollen sie nach Hause? Warten in anderen Zimmern andere Gebärende auf sie? Die Stimmen fliegen schrill im Raum herum, der ringsum blau gekachelt ist, auch der Boden, eine weiße große Uhr so groß wie eine Bahnhofsuhr an der Wand. Ein halbvoller blauer Plastik-Abfalleimer neben mir. Neonlicht hell. Geräusche von Metall auf Stein oder Eisen scheppern.

Und wieder:

„Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Sophie gibt sich Mühe, schreit vor Schmerz, atmet, drückt, eine Ärztin greift in die Öffnung, scheint sie zu weiten mit rotierenden Bewegungen.

Aber die Öffnung ist noch nicht weit genug.

Dann bekommt Sophie das Schmerzmittel, ein Einstich im Schulterbereich, eine Infusion....

Sophie entspannt sich, endlich....

Nach wenigen Minuten schaut sie mich glücklich an...Die Schmerzen sind weg.

 

Und dann weiter atmen, arbeiten, drücken, pressen, herausdrücken....oh Gott, komm raus, mein Stossgebet zum Himmel!

„Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Plötzlich ein heftiges Warnsignal, ein laut schnarrender Ton rhythmisch sich wiederholend, ein rotes Lämpchen leuchtet dazu alarmierend an einem Messgerät auf, das den Herzrhythmus des Kindes anzeigt. Ich schrecke zusammen, alle schrecken zusammen, was ist los?

Eine Ärztin stürzt herein, alle schauen sie an, sie gibt knapp und schnell ein paar Anweisungen, eine Atemmaske wird Sophie über das Gesicht gestülpt, sie soll tief einatmen, Sauerstoff, der Herzschlag, der Herzschlag des Kindes soll sich verlangsamt haben, Lebensgefahr, wenn das zu lange dauert, muss sofort unten aufgeschnitten werden, ist es jetzt so weit oder soll man noch einen Augenblick warten? Das Lämpchen leuchtet rot und gefährlich auf und ab und der Alarm-Ton schrillt mir in den Ohren, ich starre wie gebannt auf die Ärztin, die unglaublich schön ist, mir scheint, ich habe noch nie so eine schöne Frau gesehen…Sophie atmet heftig unter der transparenten Maske, ich kann ihr lautes Schnaufen hören, der Lärm das rote Lämpchen …die heftigen Atemzüge Sophies, unser Kind….. 

Da...zum Glück, das Warnsignal erlischt,

Gott sei Dank, ein Aufatmen geht durch die Schar der Frauen um Sophie. Sie schauen sich erleichtert an.

Die Göttin, die schöne Ärztin, lächelt und verlässt wieder den Raum.

Und wieder arbeiten....

„Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Und drücken und preßen

Sophie ist erschöpft, seit neun Uhr morgens Schmerzen, und jetzt das Schmerzmittel, alles was sie jetzt noch will ist schlafen, sie kann nicht mehr. Aber die Hebamme treibt sie an:

„Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Plötzlich schnarrt das Messgerät wieder los, so laut dass es durch die ganze Station schallt. Sofort erscheint die Göttin wieder. Ein kurzer Wortwechsel, dann sehe ich eine andere junge Ärztin eine große silbern blinkende Schere nehmen. Die Schere erinnert an die riesigen Zangen mit denen man ein Fahrradschloss aufknacken kann. Das muss der berühmte Dammschnitt sein, denke ich noch und dann geht alles ganz schnell, eine schnelle Handbewegung und die Ärztin greift hinein und zieht und zerrt am Hals ein kleines rotes Kind heraus, dessen Schädel merkwürdig verquetscht scheint, aber plötzlich greift die Göttin mit einer Hand nach dem Kopf des Kindes und drückt ihn mit Daumen und Fingern wie einen Schraubstock zusammen, so dass er ganz überraschend eine neue Form gewinnt, der Schädel quillt unter ihrem Griff empor und bildet  eine hohe Stirn und einen ausgeprägten Hinterkopf. Ich starre auf das Geschehen wie gebannt, damit hatte ich nicht gerechnet, was macht sie denn? Niemand kommentiert was sie macht, niemand protestiert oder wundert sich....

Dann wird mit ein paar Griffen die Nabelschnur abgetrennt und das Kind abgerieben, vom Blut und weißer Schmiere gesäubert und dann hebt eine Schwester das Kind hoch, streckt uns beiden dessen Unterleib entgegen und ruft: „ Ein Mädchen!“


Ich bin enttäuscht, als kurz danach unser kleines Kind einfach weggetragen wird. Es werde gewogen, gemessen, versorgt, registriert....später würden wir es wiedersehen. Aber wie viel später sagt man uns nicht. Ich hatte gehofft, es werde Sophie auf den Bauch gelegt werden, der erste Kontakt direkt nach der Geburt sei sehr wichtig für die emotionale Beziehung zwischen Mutter und Kind hatte ich irgendwo gelesen vor langer Zeit und deshalb würde das jetzt in einigen Kliniken auch so gemacht. Hier jedenfalls nicht.

Jetzt beginnt eine Schwester Sophie unten zu nähen, die aufgerissene Öffnung wieder in die alte Form zurückzuversetzen. Sie geht ganz fachmännisch vor mit einer grossen Nadel und einem langen Faden Garn oder was immer das Material ist. Sophie unterhält sich währenddessen

mit mir, als würde nichts geschehen, während die Schwester immer wieder die Nadel einsticht wie in ein Stück Stoff und sie dann durchzieht, den Faden langzieht und wieder einsticht. Sophie  lächelt, strahlt, ist glücklich, weint, schaut nicht nach unten, will das nicht sehen, was dort geschieht. Sie ist glücklich, wir haben es geschafft. Wir halten uns die Hände.

Mir kommt sie eine Ewigkeit lang vor, die Zeit, die die Schwester braucht  für  das Nähen, wann hört sie denn endlich auf? Was ist denn da unten alles zerrissen?

 

Später wird Sophie in einem fahrbahren Bett hinunter auf ihr Zimmer geschoben und dann kommt auch schon unser Kind, in einem kleinen Bettchen wird es zu uns geschoben. Es sieht unglücklich aus, ein kleines rotes verquetschtes Gesicht, das aus den weißen Decken herausschaut,  die Augen kaum geöffnet, ab und zu schreit es, kräht sein Unglück in das Zimmer, aber nicht laut, seine Stimme scheint noch weit weg zu sein, noch nicht ganz da. Sophies Vater steht davor, auch ihre Mutter, beide lachen und antworten mit liebevollen Lauten, eine „Ai“, die wir bezahlen, kümmert sich jetzt um das Kind, hebt es aus dem Bettchen, und reicht ihm eine Milchflasche, an der es begierig nuckelt. Es lebt. 28. Dezember 2013. Anna ist da!