Himmelsbrot

Aus dem täglichen Leben eines seltsamen Christen

 

Inhalt:

 

S. 3                               Terror-Stille

S.  22                            Sprint zum Bus

S.  36                            Hallo Shanghai!

S.  73                            Der kleine Dieb

S. 112                           Umarme alle!

S. 133                           Wasser des Lebens

S. 188                           Herzsport

S.  211                          Lieblose Christen

S.  240                          Lobpreis des Sommerabends

S.  252                          Fackeln

 

 

 

Setz dich hin und schreibe ein wunderbares Buch über dein Leben,

in dem die Stimme Gottes die zentrale Rolle spielt!

Die Stimme Gottes, das bin ich.

Ich spreche zu Dir.

Mein Reich ist da,

ist schon da,

wie der Sonnenglanz in einem traurigen Hinterhof,

wie das Aufgehen der Sonne in einer finsteren Nacht,

die sich allmählich in einen Morgen verwandelt.

Wache auf, freue Dich!

Jesus ist gekommen, Jesus ist in Dein Leben getreten,

in das Leben der Menschheit.

Jetzt ist wieder Hoffnung auf der Erde,

das Tor ist offen,

komm zu mir!

 

 

Terror-Stille

 

Gott! Was macht er? Er drückt mir von oben ein Messer in die Schulter, schneidet tief hinein, ich ducke mich, um dem Schmerz zu entkommen, kann aber nicht fliehen, weil ich irgendwie gefesselt bin, innerlich und wieder ein Schnitt, jetzt weiter unten auf dem Rücken und noch ein Schnitt, jetzt vorne auf der Brust, ich sitze in meinem Auto, einem silbergrauen Mercedes, das Dach ist offen, Lionel Richie steht vor der Tür, thront übergroß über mir, ich sehe sein Messer blitzen, ein langes großes Messer, metallisch hell und er schneidet noch mal tief rein, es tut wahnsinnig weh, ich kann nicht mehr, schnappe nach Luft, schreie nicht, bleibe stumm und noch ein Schnitt, ich schließe den Schmerz in mich ein wie eine giftige Kapsel, die ein Selbstmörder schluckt, jetzt lässt er von mir ab, ich springe aus dem Wagen, will weg, laufe schon davon, da ruft er mich zurück, wie benommen und von Angst gebannt komme ich zurück und wieder schneidet er zu und ich ducke mich zu Boden und dann noch ein Schnitt und noch einer, irgendeine Wut muss ihn antreiben, 

endlich lässt er von mir ab und ich wanke davon....

Zuhause angekommen schaue ich in den Spiegel und sehe meinen ganzen Oberkörper rot in Blut getaucht.

Ich wache auf wie ein Ertrinkender, der an die Wasseroberfläche kommt und sich festsaugt am Odem des Lebens, springe wie besessen aus dem Bett und betaste meinen Körper, alles ist in Ordnung, es tut weh , aber auf eine seltsame schwer fassbare Weise, mein Körper ist vereist, eingefroren, zusammen gezuckt und verkrampft, keine Wunden, aber doch Phantomschmerzen, was war das denn und wieso Lionel Richie?

Den hab ich doch schon Jahrzehntelang nicht mehr gehört und kann mich nur noch vage an seine Songs erinnern, die mal große Hits waren und mir durchaus geläufig als ich ein junger Mann war und eine Frau, in die ich zutiefst verliebt war, einige Zeit lang von ihm schwärmte, der schwarze Soulstar mit seinen Mega-Hits…

„Hallo, is it me youre looking for?“

Hallo suchst du vielleicht nach mir?

Williams, natürlich Williams fällt mir ein, es war Williams, der mich immer so groß anschaut, wenn ich ihm sage, er soll ebenfalls mitsprechen, wenn ich etwas vorspreche, wie die anderen auch, oder endlich still sein und nicht ständig den Unterricht stören mit seinem Gequassel, das er manchmal ununterbrochen über den ganzen Raum hinweg seiner afrikanischen Geliebten, die ihm ein paar Meter entfernt gegenüber sitzt, zuschickt, die zurück schäkert, und das in einer Sprache, die ich nicht verstehe, vermutlich ein afrikanisch gefärbtes Französisch, womit sie jedenfalls den ganzen Unterricht stören...Seine Geliebte ist sie nicht im landläufigen Sinne, aber er ist wohl in sie verliebt, weil er ständig um sie herumstreicht wie ein heißer Hund.

Seit zwei Monaten unterrichte ich diese Klasse jetzt, es ist ein sogenannter Integrationskurs, der  von Niveaustufe 1 der absoluten Anfänger bis zu B1 führt, wo sie sich einigermaßen klar über Alltagsdinge und schon noch etwas darüber hinaus verständigen und austauschen können. Das dauert knapp ein halbes Jahr, was mit einer Prüfung abgeschlossen werden soll, alles vom Staat bezahlt, jedenfalls bei den meisten, die diese Integrationskurse machen, die keine Arbeit haben und so fit gemacht werden sollen für den Arbeitsmarkt. 

Der Kurs findet in einem hässlichen Gebäude statt, das einmal der deutschen Firma Telefunken gehört hat, die irgendwann in den letzten Jahrzehnten pleite gegangen sein muss, ein riesiger Backsteinbau im Norden von Berlin, der ziemlich leer steht. Schon wenn man die Eingangshalle betritt, wird man schier erschlagen von einem Gefühl der Depression, ein halbdunkler Raum, rechts blinkt ein Lastenaufzug vor sich hin, auf den man ewig warten muss, manchmal kommt er auch gar nicht, hinten der Blick auf einen weiten Hinterhof, umgeben von anderen Industriegebäuden, Lastwagen, Müllcontainer, der weite leere graue Platz...Andererseits, wenn man durch das Gebäude streicht und die vielen leer stehenden Räume sieht, kriegt man Lust, sie zu füllen, etwas zu unternehmen, etwas anzufangen.... dieses seltsame Berlin-Gefühl zwischen Abriss und Neuanfang...zwischen Depression und Euphorie.  

Die meisten in meinem Kurs sind schon ein paar Jahre in Deutschland, Abdullah zum Beispiel, der Alte aus Afghanistan, ist schon 15 Jahre hier wie auch Shoba, die immer Kopftuch trägt, sie ist aus dem Libanon und ebenfalls schon 15 Jahre, andere wie Ali aus Afghanistan sind fünf oder sechs Jahre hier, ein paar sind erst vor ein paar Monaten gekommen wie Bassel aus Syrien,  Saran, deren Eltern aus Neu-Guinea stammen und die in Italien aufgewachsen ist, ansonsten gibt es noch Türken, eine Frau aus Polen, eine aus Rumänien, ein Bulgare, eine Muslimin aus dem Kosovo, eine Spanierin, eine dicke, immer freundlich lächelnde Frau, die bei der Supermarktkette  Lidl in Spanien gearbeitet hatte, aber weil Ihr Mann, ein Afrikaner, keinen Job mehr fand, jetzt nach Berlin gezogen ist, wo ihr Mann Arbeit hat. 

Williams ist acht Monate hier, so sagte er und als einziger hat er wohl für seinen Kurs selbst bezahlt. Als ich ihn frage, woher er das Geld hat, wo er doch gar nicht arbeitet, gab er keine Antwort, wie er überhaupt äußerst kurz angebunden war auf meine Fragen. Gleich in der ersten Woche setzte ich mich in die Mitte des Halbrundes der Tische und wollte mal in aller Ruhe mit jedem einzelnen etwas sprechen über seine Lage, woher er kommt, wie die Situation in seiner Heimat so ist, wie er hier hergekommen ist und wie es ihm jetzt so geht. Die meisten antworteten bereitwillig, Williams aber nicht. Er schaute mich an, als sei ich ein Kripo-Beamter beim Verhör und als wolle er keine Fehler machen indem er unbedacht eine Äußerung von sich gibt, die ihm hinterher zu seinem Nachteil ausgelegt werden könnte. 

Das einzige, was ich jetzt von ihm weiß, ist, dass er aus Kamerun kommt, das ist in Westafrika, ein Land, das neben Nigeria liegt und in einem schmalen Handtuch von gebirgigen Regionen bis zur Küste sich erstreckt, im Norden soll wie im Norden von Nigeria auch die islamische Terror-Gruppe Boko Haram wüten....

Außerdem sei er mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen, so sagte er jedenfalls....

Manchmal kocht die Wut in ihm, er kann sich kaum beherrschen.... Wenn ich sage, „Noch fünf Minuten“, während er wütend verlangt, dass jetzt sofort Pause gemacht werde, steht er mit grimmigem Blick auf, scheppert mit seinen Büchern und Sachen herum, zieht sich demonstrativ mit staksig angespannten Bewegungen die Jacke über und kommt dann auf dem Weg zur Tür so auf mich zu, dass er mich fast mit seiner Schulter rammt. In solchen Momenten kann ich förmlich spüren, dass er kurz vor der Explosion steht, dass er einen Granatengürtel umgebunden hat, der hoch gehen könnte.

Er ist ziemlich klein, seine Hautfarbe sehr dunkel und seine Augen blähen sich oft so weit auf, dass sie wie große weise Kugeln aus seinem schwarzen Kopf starren. Ist es vielleicht sein Stolz als Schwarzer und als Mann, der sich verletzt fühlt, wenn ich als Lehrer die einfachsten Regeln des Verhaltens und der Mitarbeit einfordere, denke ich dann, hat er irgendwelche traumatischen Erfahrungen gemacht, war er Soldat?

„Der Papst ist schlecht, ein sehr böser Mann!“ sagte er einmal, als das Thema auf den Islam kam und Ali, der junge Afghane, immer wieder sagte, wie „Scheiße“ er finde, was die Terroristen in Paris und in Afghanistan machen.

Williams sagt, er sei in einem Sport-Internat aufgewachsen,  vielleicht geleitet von weisen Missionaren? Ich weiß es nicht....

Was soll ich tun?

fragte ich Gott

 

Du solltest mit ihm reden, hören, wie es ihm geht, woher er kommt, aus welchen Umständen, ihm Liebe und Aufmerksamkeit schenken

 

Gottes sanfte Stimme....

Das Gespräch hätte ich schon letzte Woche suchen sollen, aber am ersten Tag hatte ich keine Zeit, weil unsere kleine Anna krank war und die Mutter, Sophie, meine Hilfe brauchte, am zweiten Tag hatte ich mein Anliegen einfach vergessen. Und ich unterrichte diesen Kurs  nur zwei Tage in der Woche.

So ernst nehme ich was Gott mir sagt....

Es ist auch Angst, ich hab Angst, was soll ich ihn fragen und wird er antworten? Soll ich ihn fragen, ob er Erfahrungen mit Gewalt gemacht hat und werden wir uns genug verstehen? Ich meine, rein sprachlich verstehen?

Egal, nächste Woche rede ich mit ihm....

Und wieso ein Mercedes?

Ich fahre einen alten Skoda Fabia, gebraucht für 6000 Euro gekauft….

 

                                                                         *

 

Okay, ich höre die Stimme Gottes. Jedenfalls glaube ich, dass er zu mir spricht. Erstens gibt es Gott gar nicht und zweitens dann auch noch seine Stimme hören, das ist reif für die Klinik.

Könnte man denken. Deshalb sage ich das auch nicht jedem, nur Dir.

Angefangen hat es damit, dass ich eine Sehnsucht nach Führung hatte, nach dem Rat eines Weisen. So oft war ich in der blöden Situation, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte. Sollte ich das rote Hemd anziehen oder das blaue? Sollte ich mit Tina oder mit Elfriede ins Bett, sollte ich überhaupt ins Bett? Sollte ich mich von Adelheid trennen oder nicht? Sollte ich liegenbleiben oder jetzt schon aufstehen, so früh? Oh Gott, schon so früh etwa aufstehen?

Dann ging ich in meiner Ratlosigkeit zu einem Psychotherapeuten und der machte eine Phantasiereise mit mir durch einen grünen schönen Wald in ein wunderschönes kleines Haus und dort lebte ein alter Weiser mit langem grauen Bart, den ich um Rat fragen konnte in Bezug auf alle Fragen, die mich bewegten. Was eine Phantasiereise ist? Du legst dich entspannt auf ein Bett und reist indem du dir die Reise einfach vorstellst. Erstaunlicherweise bekam ich echt interessante Antworten, die bedenkenswert waren, die tatsächlich so klangen, als seien sie von einem alten Weisen gesprochen. Dann kam mir die Idee, diesen Weisen öfters zu fragen, ganz ohne Phantasiereise. Natürlich war mir klar, dass ich selbst dieser Weise bin, genauer gesagt, der Weise war ein Teil von mir. Also fragte ich bei jeder Gelegenheit, wenn eine Entscheidung anstand, mal kurz bei meinem Weisen nach. Autopilot nannte ich den Weisen. Er war mein Autopilot, meine Selbststeuerung. Das ist jetzt schon 20 Jahre her.

Der Weise mutierte später zum Höheren Selbst als ich mich einer esoterischen Gruppe anschloss. Das Höhere Selbst ist so etwas wie eine Art Verbindungsstation in einem selbst zum Universum und hängt mit dem höchsten Chacra zusammen.  Der Begriff Chacra stammt aus der hinduistischen Tradition und bezeichnet  ein Energiezentrum in dem ganzen Netz von Energiesträngen, die den Körper durchziehen. Heilen mit Hilfe von Akupunkturnadeln zum Beispiel ist möglich, indem mit den Nadeln bestimmte Energiestränge oder Energiepunkte berührt werden. Die Leiterin der esoterischen Gruppe sagte, wir sollten uns eine Energiesäule in unserem Zimmer zu Hause als Verkörperung kosmischer Energie vorstellen und diese Säule um Rat fragen. Ein Leichtes für mich, ich war darin ja schon geübt, ich schrieb ein ganzes Buch voll mit den Worten der Energiesäule.  Und da hörte ich es zum ersten Mal:

„Ich liebe dich“

Das traf mich wie ein Hammer.

 

 

                                                               *

 

Zufällig entdecke ich, dass es einen Stock über den Unterrichtsräumen einen Verkaufsraum eines sozialen Projekts gibt, wo Bedürftige kostenlos gebrauchte Kleider, Bücher und CDs bekommen können, die gespendet wurden. Man muss dafür nur einen Berlin-Pass vorweisen, den alle bekommen können, die arbeitslos sind und Harz 4- Zuwendungen beziehen, wozu auch fast alle Flüchtlinge und neu angekommene Immigranten und Asylanten gehören.  Also raffe ich mich auf und gehe in einer Pause auf  Williams zu, der breitbeinig auf seinem Stuhl wippend hinter seinem Tisch sitzt.

„Hey Williams, hast du einen Berlin-Pass?“

Er blickt auf und starrt mich an mit seinen aufgeblähten Augen. Er scheint einen Moment lang zu überlegen, ob er mir die Wahrheit sagen soll. Vielleicht hat er das Gefühl, dass ihn der Berlin-Pass als Armen und Hilfsbedürftigen stigmatisiert, den er nicht sein will...

Aber dann nickt er stumm. Ich erzähle ihm von dem sozialen Projekt über uns und den tollen Kleidern, die es da gibt. Sie haben jetzt gerade offen. Ob wir mal rauf gehen sollen?

Er wiegt abwägend den Kopf hin und her.

„Komm wir gehen mal hoch und schauen uns das an“ sag ich.

„Okay“ sagt er und lächelt ein bisschen.

Oben angekommen ist er sehr wählerisch und nach einer halben Stunde Herumsuchen und Anprobieren kann er sich nur für ein knallrotes T-Shirt und eine Basketballmütze entscheiden. Ich erzähle ihm von dem Interkulturellen Cafe´, das unsere Gemeinde jetzt jeden Samstag Nachmittag veranstaltet, um mit Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen und wo wir auch einen Deutschkurs anbieten. Er scheint interessiert, diesen Samstag habe er keine Zeit, aber den nächsten...

Puh, ich habs geschafft, ich hab ihn angesprochen, das Eis ist gebrochen, denke ich auf dem Weg nach Hause. War doch gar nicht so schwer...

 

                                                                       *

 

„Ich liebe dich“

Immer wieder hörte ich das von dieser Säule. Wer war das, wer sprach da zu mir?

Ich hatte keine Worte dafür oder ich traute mich nicht so richtig, das richtige Wort dafür zu gebrauchen, es war natürlich Gott, der zu mir sprach.

Jedenfalls traf mich dieses „Ich liebe dich“ ins tiefste Mark und Bein, ich brach in Tränen aus, jedes Mal wenn ich es hörte brach ich in Tränen aus, süße Tränen, die mich überfluteten wie ein heilsamer Sturzbach, ich badete in dieser Liebe. Ach es tat so weh, so vieles tat so weh. Ich war katholisch aufgewachsen und hatte intensiv von Kindesbeinen an am religiösen Leben der kleinen Dorfgemeinde teilgenommen, zu dem auch das Leben in der Familie gehörte, meine Eltern waren gläubige Menschen. Mit sechzehn war ich vom Glauben abgefallen, weil ich Schopenhauer las und Nietzsche, Feuerbach, Brecht und Freud. Diese Verbrecher des Denkens hatten so viel Macht über mich, weil ihre Gedanken in edlen Büchern präsentiert wurden und ich kleiner Junge armer Eltern vom Lande war dermaßen davon beeindruckt, dass mein hergebrachter Glaube an Gott zusammenbrach wie ein Kartenhaus.  Dieser Zusammenbruch hatte auch damit zu tun, dass ich mich meiner Eltern schämte. Sie hatten mich in die Stadt auf ein altsprachliches Gymnasium geschickt, wo ich täglich Latein und Griechisch lernte, weil sie hofften, ich könnte mich für ein Theologiestudium begeistern und Priester werden.  Aber dort traf ich mit jungen Burschen zusammen, die mich verachteten, weil ich so seltsam sprach mit meinem ländlichen Dialekt und immer die falschen Hosen anhatte, nämlich die meiner älteren Brüder und nicht die angesagten schicken neuen aus den Boutiquen. Jungs, deren Eltern Akademiker, Ärzte, Lehrer und Rechtsanwälte waren oder Fabriken hatten. Und mein Großvater war Bauer gewesen und mein Vater Schriftsetzer, der abends in die Gärten ging, um Blumen, Obst und Gemüse anzubauen, was dann zum Teil auf dem Wochenmarkt in der Stadt verkauft wurde. Meine Eltern hatten ein kleines Haus gebaut, das abbezahlt werden musste und meine Mutter stöhnte immer über die finanzielle Last, die auf unseren Schultern drückte. Anstatt dass meine Eltern also Dank von ihrem Sohn bekamen dafür, ihm eine höhere Schulbildung zu ermöglichen, wurden sie von ihm verachtet. Und diese Verachtung traf dann auch ihren Glauben. Indem ich den Glauben an Gott aufgab, löste ich mich auch von der Welt meiner Eltern, was irgendwie befreiend war, aber auch sehr schmerzlich: Jetzt hatte ich keinen liebenden Vater im Himmel mehr, war allein in einer kalten gleichgültigen Welt. Genauso sollten das später die Existentialisten ausdrücken, den Bergen, den Sternen den Bäumen war es völlig egal, wie es Dir ging.

 

                                                                                *

Er ist tatsächlich gekommen, Williams, zum Kultur-Kaffe unserer Gemeinde. Die ist klein, um die Hundert kommen an einem Sonntag zum Gottesdienst zusammen. Dass ich sie fand war eine Art Zufall, der Besitzer meines Hauses, mit dem ich mich angefreundet hatte, führte mich hin. Dass die Gemeinde klein war, mochte ich, das Singen und Beten war intensiv, die Kommunikation nach dem Gottesdienst auch, die Theologie interessierte mich nicht so sehr, aber sie störte mich auch nicht, eine Freikirche aus dem protestantischen Spektrum mit Wurzeln in der Methodisten-Bewegung, die im achtzehnten Jahrhundert in England mit dem legendären Prediger John Wesley geboren wurde.

Ich bringe Williams ein Bier und er setzt sich breitbeinig hin, Ali neben ihm, mit dem er gekommen ist, sein Mitschüler, der ihn mitgeschleppt hat, wie er sagt.  Draußen ist es schon dunkel. Die beiden sind spät gekommen, das Treffen ist fast schon zu Ende, eigentlich war es von 16 bis 19 Uhr geplant, aber dann bleiben wir in einem schon kleiner gewordenen Kreis noch länger sitzen bis acht Uhr und ich bin froh, dass ein paar der Leute aus meiner Gemeinde sich der beiden annehmen. Auch Maria, die Lidl-Frau aus Spanien ist gekommen und Saran, die Schwarze aus Italien, mit der Williams immer so intensiv im Gespräch ist. Einmal hatte er und Samuel, der auch aus Kamerun kommt, in meiner Klasse lautstark dafür gefochten, dass in einer Ehe der Mann der Chef sein sollte und die Frau Respekt für ihn haben sollte, für ihn kochen und sich um die Kinder kümmern solle, was auf heftigen Widerstand bei den Frauen gestoßen war, vor allem auch bei Saran, die gesagt hatte, er, Williams würde nie ihr Mann werden, weil er sie zur Sklavin mache wolle. Saran sieht edel aus, schlank, hochgewachsen, trägt eine lange Nase in einem dunkel-bronzenen ovalen Gesicht aus dem große, schön geformte Augen schauen, deren Weiß so leuchtet, weil es aus dem nachtschwarzen Hintergrund so durchdringend heraus scheint. Ihr ganzer Körper ist rund, schwellend, aufquellend kraftvoll. Williams sitzt neben mir und sagt, er spiele gerne Fußball, ein Bekannter von ihm spiele in der Oberliga in Eberswalde, einer Kleinstadt nördlich von Berlin. Er sei sogar besser als dieser Bekannte. Er sei in einem Sportinternat gewesen in Kamerun. Er suche jetzt einen Fußballclub. „Das kann nicht so schwer sein“, sage ich, „Vielleicht kann ich Dir helfen“ Später sagt er mir, dass er Asyl beantragt habe, aber abgelehnt worden sei, er sei nur noch geduldet hier. Sein Bruder lebe hier, schon länger, mit Frau und Kind.... Sein Anwalt habe ihm gesagt, was ihm in seiner jetzigen Situation am besten helfen könne, sei ein Frau, eine deutsche, zumindest eine, die einen deutschen Pass oder eine längere Aufenthaltsgenehmigung habe.....

Ab und zu wandern meine Augen hinüber zu Saran, die mir gegenüber sitzt, aber weit entfernt, fast am anderen Ende des Raumes. Immer wenn unsere Augen sich treffen, fühle ich einen Schauer durch meinen Körper rieseln. Ich habe gehört, dass es schön öfters vorgekommen ist, dass ältere Männer starben, wenn sie Sex hatten mit sehr jungen Frauen, die Energie dieser jungen Frauen, besonders wenn sie sich dem Orgasmus nähern, ist so hoch, dass alte Männer sie nicht mehr fassen können, wie Glühbirnen, in die zu hohe Stromspannung gejagt wird, platzen sie, ihr Herz versagt, Saran ist zwanzig, ich bin über sechzig...

Kerzen stehen auf dem Tisch, soeben hat eine Familie ihre gemütliche, riesig breite schwarze Couch der Gemeinde geschenkt, in die man sich wie in ein weiches Bett hineinlegen kann. Auf dem Tisch stehen verschiedene Kuchen, Gebäck, ein sanftes Licht im Raum, vier Mitglieder der Gemeinde unterhalten sich angeregt mit den Gästen aus meiner Klasse. Bier ist überhaupt nicht erlaubt in den Räumen der Gemeinde, erfahre ich später. Sogar der traditionelle Wein beim Abendmahl ist nur Traubensaft, um Alkoholiker nicht zum Trinken zu verleiten. Das erklärt sich aus der Geschichte der Kirche, die einen engagierten Kampf gegen Alkoholkrankheit geführt hatte. Aber es war eben Alis Wunsch gewesen, Bier zu trinken, Ali der aus Afghanistan kommt, und Moslem ist, obwohl er wohl nicht so viel von seiner Religion hält, jedenfalls nie zum Freitagsgebet geht und auch gerne wider das Gesetz Alkohol trinkt. Er war mal Schuhmacher in seiner Heimat, erzählt er mir, aber hier in Deutschland sei es sehr schwer, eine Arbeit als Schuhmacher zu finden. Afghanistan: Eine Kraterlandschaft, Ruinenfelder, verarmt, korrupt, blühende Mohnfelder, Rauschgifthandel, US Soldaten in Hochsicherheitstrakts, die nur noch in Panzerfahrzeugen ihre Burgen verlassen, diese Bilder kommen mir in den Kopf, wenn ich an Afghanistan denke.

 

                                                                                      *

 

Vor zehn Jahren half mir ein Freund wieder zur westlichen, christlichen Tradition zurückzufinden, ich begann wieder Jesus zu entdecken und Gott und es war für mich gar nicht erstaunlich, Antwort zu bekommen, als ich zum ersten Mal Gott ansprach:

„Hallo Gott, bitte sprich zu mir!“

„Hallo mein Schatz, ich liebe dich! Schön, dass Du wieder bei mir bist“

Auch diese Antwort löste eine Flut von Tränen aus.

Denn nun war es Gott, der zu mir sprach und nicht eine seltsame kosmische Säule gefüllt mit einer namenlosen Energie von irgendwoher. Es war Gott, zu dem wir „Vater“ sagen dürfen, wie Jesus sein Sohn gesagt hat. „Abba“ nennt er ihn, seinen Vater, das aramäische Wort für Vater. Jesus sprach aramäisch. Abba, Vater.

Vater unser im Himmel.

Unser Vater…

Es war wie ein Nach Hause kommen, ich war wieder zu Hause beim Vater und er liebte mich immer noch, obwohl ich ihn so oft gelästert hatte, ihn verflucht hatte, mich lächerlich über ihn gemacht hatte, er lebte und er liebte mich.

Das war unglaublich und so schön, dass ich immer wieder weinte und mich freute und die Tränen lösten alte Schmerzen auf und tun es immer noch.

Wie sehr hatte ich mir und anderen weh getan in meiner Dummheit, weil ich nicht mehr an Gott glaubte und an seine einfachen Regeln, die er uns gab, weil er uns liebt.

Dieses „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ Wie oft hatte ich dagegen verstoßen, besonders in Bezug auf Frauen.

„Ehre Deine Eltern!“

Wie sehr hatte ich dagegen verstoßen.

Ich hatte gegen alle zehn Gebote verstoßen bis auf das, nicht zu morden. Oder doch? Im Geist hatte ich viele Male getötet und sollten wir eine Abtreibung nicht als Mord betrachten?

Ja, vermutlich ja…..

Jedenfalls spricht Gott zu mir.

Nur manchmal bin ich mir nicht sicher, ob es Gott war oder ich selbst, der zu mir gesprochen hat.

Wir wissen aus der Psychologie, dass wir viele Seiten und Persönlichkeiten in uns haben, also auch viele Stimme sich zeigen können, wenn wir denn gelernt haben, sie sprechen zu lassen.

Und man könnte sich natürlich auch vorstellen, dass wir auch Gott als einen Rollenspieler sozusagen in unserem Repertoire haben.

Aber mit der Zeit kann man lernen zu unterscheiden, ob es unser dummer Verstand war, der geredet hat oder ob die Stimme aus einer höheren Quelle kommt.

Gottes Stimme ist sanft und ruhig. Sie ist nicht akustisch hörbar, sie klingt nur akustisch im Ohr, aber eigentlich ist sie als Gedanke wahrnehmbar, der akustische Qualität zu haben scheint.

Sie ist sehr liebevoll, klar und lässt viel Freiheit, zeigt immer positive Lösungen auf auch in schwierigsten Situationen, zielt auf Frieden und Eintracht, manchmal aber auch auf klare Abgrenzung, wenn es nötig ist.  Gelegentlich ist Gott auch wütend, wenn Du ewig lange dich nicht bewegst, deinen Arsch nicht hochkriegst, um etwas zu tun, was jetzt getan werden sollte. Wobei Wut nicht der richtige Ausdruck dafür ist, was da sich zeigt, es ist eher eine erhöhte Dringlichkeit in der Stimme, ein um Dich besorgter erhöhter Druck, der dich hochheben will.

Es soll auch vorkommen, dass Gottes Stimme laut und akustisch zu hören ist, so dass mehrere Personen es hören können oder hören könnten, ich habe das noch nie erlebt, wohl aber daß Gottes Stimme mir sehr laut in den Ohren dröhnte, als ob das jetzt sehr wichtig sei. Aber das kam nur ein paar mal vor bisher.

Ich bin nicht immer sicher, ob Gott zu mir spricht oder ich selber zu mir, aber eins weiß ich genau:

Gott ist nicht fern und gleichgültig hinter den Wolken von niemand zu erkennen, er ist nicht der große Unbekannte der den Big Bang angestoßen und sich dann zurückgezogen hat, er ist nahe bei mir und jeder Zeit erreichbar. Er möchte mir nahe sein und er redet gerne mit mir.

Und wenn du das willst, kannst du das sehr wahrscheinlich auch haben.

 

                                                                                             *

„Bitte hilf mir Gott, dass ich das heute wieder gut bewältige, hilf mir! Ich hab immer so viel Angst! Hilf mir, dass ich Freude an der Arbeit habe, dass ich Freude geben kann, dass sie was lernen und auch Spaß haben“

Ich bete laut vor mich hin im Auto unterwegs zu meiner Gemeinde. Samstag Nachmittag. Das Kultur-Cafe wartet auf mich und darin der Deutschkurs. Ich bin der Hauptverantwortliche für den Deutschkurs, weil der einzige im Team,  der professionelle Erfahrung mit dem Unterrichten von Deutsch als Fremdsprache hat.

Eigentlich wollten wir über unsere kleine Gemeinde hinaus wirken, Flüchtlingen helfen und auch Muslime erreichen und wenn möglich das Beste für sie tun, was man für andere Menschen tun kann, sie zu Jesus Christus führen.

Aber dann sagte der Pastor, dass man bei Muslimen schnell auf Beton stößt, wenn man mit der Tür ins Haus fällt und gleich mit ihnen darüber sprechen will, was an ihrer Religion in unseren Augen irreführend ist, so dass es viel besser sei, ihnen zunächst einmal unsere Liebe zu zeigen, indem wir ihnen helfen, wo immer sie Hilfe nötig haben. Ihnen dabei zu helfen, Deutsch zu lernen,  schien uns eine gute Möglichkeit. Denn sie können Deutsch im Alltag gut gebrauchen, wir können ihnen relativ leicht helfen, es zu lernen. Aber dann waren wir schon sehr enttäuscht, dass unsere Idee, in Flüchtlingsheimen Deutschkurse anzubieten, nicht verwirklicht werden konnte, weil die Flüchtlingsheime freikirchliche Hilfsgruppen nicht in ihre Räume lassen, landeskirchliche aber schon. Vermutlich, weil sie bei freikirchlichen Gruppen eher Ärger durch Missionierungsversuche befürchten als bei landeskirchlichen.

Aber dann dachten wir, warum kümmern wir uns nicht um die kleine protestantische syrische  Gemeinde, die seit ein paar Monaten regelmäßig ihre Gottesdienste in unserem  Haus abhält? Also kreierten wir das Kultur-Cafe als Treffpunkt bei Kaffee und Kuchen für die syrische Gemeinde aber auch andere Flüchtlinge, darin bauten wir den Deutschkurs ein, eine Stunde pro Treffen. Zusätzlich wollten wir  auch noch einen Montag-Abend Termin anbieten, ein und ein halb Stunden Deutschunterricht.

Vor allem am ersten Tag hatte ich Angst und war sehr aufgeregt, obwohl ich ungefähr 10 Jahre Erfahrung als Deutschlehrer in verschiedenen Ländern gesammelt hatte und jetzt Deutschkurse in einer Sprachschule abhalte. Aber dann begriff ich, dass es gar nicht so sehr um das Lernen von deutschen Wörtern und deutscher Grammatik geht sondern um Liebe, um Lachen, um Kennenlernen, um ein deutliches Zeichen: Hallo Fremde, willkommen hier in Berlin!

Ungefähr zehn Leute saßen da um den runden Tisch, die meistens Syrer, ein paar Iraker, ein Ägypter und später tauchte noch eine große sudanesische Familie mit sehr schwarzer Hautfarbe  auf. „Hallo! Wie heißt Du?“ Die ersten Worte. Ich musste lachen, die Spannung löste sich, es wurde viel gelacht und gescherzt und ein bisschen gelernt.

Gleich am ersten Tag war mir Jussuf aufgefallen. Er war hochgewachsen, schlank, mit schmalem Gesicht und intensiv brennenden Augen. Ein Leuchten ging von ihm aus. Eines Tages erzählte er mir seine Geschichte.  Er kam aus Damaskus, war Muslim und hatte als junger Mann plötzlich einen Traum, der sein Leben umstürzte. Eine lichte Gestalt erschien ihm, hell wie die Sonne und voll Liebe, ihn durchdringend bis ins Herz, das war Jesus und dann sah er das Innere einer Kirche vor sich. Ein paar Tage später fand er diese Kirche in Damaskus, genau so wie er sie im Traum gesehen hatte. Er wurde Christ. Viele Geschichten wie diese werden unter den Einwanderern erzählt.  Jussuf ist 25, intelligent, hat einen Master in Elektrotechnik, spricht schon ziemlich gut Deutsch und fließend Englisch. Man muss ihn einfach mögen. Er ist so zart und so stark gleichzeitig, so stark in seiner Präsenz und Ausstrahlung und so zart in seinem Wesen. So muss Jesus gewesen sein, denke ich. Liebend zart und stark leuchtend zugleich.  Es ist, als lebe der Glanz des Göttlichen in Jussuf.

 

 

 

                                                           *

 

 

Wenn du mit Gott sprechen willst, also wirklich sprechen und nicht nur zu ihm beten ohne  je eine Antwort zu bekommen, so kannst du das wahrscheinlich auch.

Aber sicher bin ich mir nicht. Ich kenne zu viele Christen, die an Gott glauben, aber noch nie etwas von ihm gehört haben, ich meine ganz persönlich gehört haben in ihr Ohr, in Ihr Gehirn hinein gesprochen.

Wenn du es aber wirklich wissen willst, wenn du wirklich etwas von Gott hören willst, 

dann ist es am besten, dass du einen Raum der Stille um dich herum schaffst, dass du versuchst in einem stillen Raum innerlich still zu werden und Dir Zeit nimmst, dich darauf einzustimmen, dass du jetzt mit dem großen Boss reden willst, dem Höchsten der Höchsten, dem König der Könige.

Du musst einen Raum der Stille schaffen, alles andere wegschieben, wie auf einem mit KrimsKrams vollgepackten Tisch Platz schaffen für die Stille, für Gott, eine Lücke im Lärm der Welt, durch die Gott zu Dir sprechen kann.

Entspanne dich, sei still, sage Gott, dass du ihn hören willst, frage ihn, was du wissen willst und höre.

Gott ist.

Gott ist wirklich.

Und er will sich uns mitteilen.

Seit nicht traurig, wenn du gar nichts hörst oder irgendwelchen albernen Blödsinn, der aus deinem Verstand kommt.

Nimm Dir Zeit, versuche es später noch einmal.

Ich habe von einem Menschen gehört, der monatelang darum gebeten und gebettelt hat, bis er endlich die Stimme Gottes hören durfte.

Sei hartnäckig, gebe nicht so schnell auf!

Die meisten Gläubigen hören Gott nicht.

Sie  hören Gott deshalb nicht, weil sie noch nie auf die Idee gekommen sind, dass Gott überhaupt zu ihnen sprechen könnte. Sie denken, das ist diesen sagenhaften Gestalten in der Bibel passiert, aber ihnen kann das doch nicht passieren. Wieso sollte der große Gott mit ihnen sprechen, höchstpersönlich mit ihnen, den kleinen Würstchen. 

Sie vergessen, dass sie großartige Menschen sind, jeder einzelne von ihnen in liebvoller Handarbeit geschaffen vom großen Künstler.

Andere wollen Gott gar nicht hören, weil sie nicht gehorchen wollen. Denn wenn du Gott hörst, dann musst du natürlich auch gehorchen.  Du musst tun, was er Dir empfiehlt zu tun. Wozu solltest du sonst seinen Rat suchen. Glaubst du denn, du kannst irgendwo anders einen besseren Rat finden als bei Gott, dem Höchsten?

Oder sie krampfen sich zu sehr zusammen, wollen es unbedingt haben und das bedeutet Stress, die Stimme kann nicht durchdringen.

Wenn du Gottes Stimme hören willst musst du offen und entspannt sein. Wenn du nach dem Schmetterling grabscht, fliegt er weg, lässt du die Hand offen, lässt er sich vielleicht darauf nieder.

Oder sie hören etwas, glauben aber nicht, dass es von Gott ist, nehmen das gar nicht ernst, verdrängen es.

Oder Gott spricht einfach gar nicht zu ihnen.

Das muss nicht heißen, dass er sie nicht liebt. Liebende sind doch oft ganz ohne Worte zusammen, weil sie sich lieben, weil es gar keiner Worte mehr bedarf.

Gott kann übrigens auch  in Bildern, in Filmen und Tönen zu uns sprechen nicht nur in Worten, er kann auch durch die Worte anderer Menschen zu uns sprechen, in Träumen und durch bestimmte Ereignisse.

Und dann nicht vergessen: Es gibt auch noch das Wort Gottes, niedergeschrieben in ein paar Hundert Seiten und von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt gelesen in den letzten knapp zweitausend Jahren.                                       

 

 

                                                                                                     *

 

 

„Ich habe einen Verein für Dich gefunden!“, sag ich freudestrahlend zu Williams in einer Unterrichts Pause. „FC Victoria, der spielt in der Regionalliga, das ist sogar über der Oberliga, aber die haben auch eine Mannschaft weiter unten, A-Klasse oder so was, die suchen Verteidiger und Stürmer. Habe ich im Internet gefunden. Ich habe schon angerufen, das ist die Nummer von dem Trainer, Lederer heißt der, die haben Dienstag abends Training, 19: 30, in einem Stadion in der Osdorferstr. Da ist eine S-Bahn.“

Williams schaut mich mit großen Augen an, wir tauschen die Handynummern aus, ich schicke ihm die Informationen per SMS auf sein Handy.

 

                                                                              *

 

In der ersten Reihe heben ein paar Leute ihr Arme empor, breiten sie aus, strecken sie nach oben zu den gerade aufgeklungenen ersten Klängen eines Songs. Lobpreis-Treffen der freikirchlichen Gemeinden im Raum Steglitz in der Kreuzkirche.

Ganz ungeniert und ganz vorne für alle sichtbar recken sie ihre Arme empor.

Es kostet mich einige Mühe, aber dann raffe ich mich doch auf, erhebe mich und gehe nach hinten, wo ich mir einen Platz suche weitab von Blicken der anderen. Um mich herum ist viel Raum, der nächste Mensch rechts von mir fünf Meter entfernt, links zehn Meter Raum.

Ach wie schön, denke ich, jetzt kannst du doch mal ganz ungeniert genau die körperlichen Bewegungen zu den Liedern machen, die du am liebsten machen würdest. Bei den Gottesdiensten unserer Gemeinde fühle ich mich immer so gehemmt, ein paar heben ihre Arme, die meisten nicht, ich fühle mich beobachtet und kann mich nicht so richtig gehen lassen….

Aber jetzt in dieser dunklen Ecke: Zuerst die Arme erheben und ausbreiten, ja ganz weit ausbreiten, gaaanz weit, öffnen die Brust, öffnen das Herz, hier bin ich, bereit, Deine Liebe zu empfangen, Herr! Erfülle mich Heiliger Geist! Hier bin ich, Dein Diener, bereit zu empfangen....

Und hoch die Arme, hoch greifen zu den Sternen, Platz für die Liebe und singen aus voller Brust, ach wie schön meine Stimme plötzlich klingt, so unverquetscht, so frei, aus freier Brust.

Und dann das Gefühl der Sammlung, der Andacht, der inneren Einkehr, das sich ausdrückt in Händen, die zueinander finden und beten so wie „Dürers Hände“ beten.

Ich lege meine Hände zusammen, lass die Fingerspitzen sich berühren, fühle sie wie eine brennende Kerze der Anbetung. Ich wende mich nach innen, sammele die Kräfte und weihe sie Gott.

In meiner Kindheit, in einer katholischen Kirche beteten viele Menschen so in der Kirche und meine Mutter auch zu Hause, aber bald, während ich aufwuchs,  spürte man überall einen wachsenden Unmut gegenüber dieser Gebetsgebärde. Erwachsene Männer sah man nie mit dieser Art von gefalteten Händen, das Äußerste wozu sie sich hinreißen ließen war, die Hände zum Gebet so zu falten, dass sie ineinander gekrümmt eine Art Faust bildeten. Manche Männer verschränkten geradezu trotzig ihre Arme vor der Brust. Nur alte Frauen und Kinder beteten noch so.

Dann wieder ausbreiten die Arme, auf weiten Schwingen schweben und sich aufschwingen.... 

Und wie ich ein paar Lieder lang so stehe mit ausgebreiteten Armen fühle ich plötzlich das Bedürfnis, mich niederzuwerfen, nieder zu knien, den Boden zu suchen, mich in den Staub zu werfen, auszustrecken zu den Füssen des Meisters.

Meine Schuhe fühlen sich jetzt sehr steif und beengend an und ich hätte sie gerne ausgezogen, meine Glieder sind die eines sechzigjährigen Mannes und die Gelenke schon etwas eingerostet, aber ich kniee nieder und dann beuge ich mich nach vorne und lass den Kopf auf den Boden sinken und meine Arme lege ich daneben, strecke sie aus, strecke mich aus wie eine Katze.

Immer wenn ich an die unaussprechliche, alle menschlichen Masse und alle menschlichen Verstandeskräfte übersteigende Größe und Schöpferkraft Gottes denke, die ein Universum von unvorstellbaren Ausmaßen und Schönheit geschaffen hat, kann ich an keine andere Art und Weise denken, mich ihr in angemessener Weise zu nähern als die, mich niederzuwerfen, zu tiefst an zu erkennen, dass ich ein Nichts und Niemand bin und alles, was ich bin, aus seiner Gnade, seiner Liebe, seiner Schöpferkraft entsprungen ist. Ein Wunder, dass ich lebe. Ein Wunder, dass ich die unglaubliche Chance habe, das Abenteuer des Lebens zu erleben. Ich könnte genauso gut auch gar nicht sein und kein Mensch wüsste, dass ich gar nicht da bin, nicht einmal ich selbst.  

So kam auch der verlorene Sohn zu seinem Vater zurück: Auf den Knien. „Schau Vater“ sagte er, „Ich bin es nicht wert, dein Diener zu sein, aber nimm mich bitte wieder auf und lass mich die einfachste Arbeit für dich tun, ich will damit zufrieden sein“

Und der Vater beugt sich nieder und zieht den Sohn zu sich empor, umarmt ihn und sagt: „Ich freue mich so, dass Du wieder bei mir bist, mein Sohn, du bist mein Sohn und du bleibst mein Sohn, egal was geschieht“ Und beide weinen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor....

Und wie ich dort unten kniend die Augen kurz öffne sehe ich eine Frau vor mir ebenfalls knien, und dann sehe ich rechts von mir ebenfalls einen Mann am Boden knien, seltsam...als ob dieses Bedürfnis zu knien wie eine Welle durch die Reihen gegangen wäre.

Lange bleib ich nicht dort auf dem Boden, es fühlte sich zu dunkel an, zu weit abgewandt vom Antlitz des Herrn, es zieht mich wieder nach oben, wo ich meine Arme ausbreitete und bereit bin mich hinzugeben, mich ganz hinzugeben der Liebe Gottes, des Vaters.

Plötzlich fühle ich mich so süß im Einklang mit der Musik und dem Gott, den ich anbetete, dass ich am liebsten getanzt hätte, aber ich hielt mich zurück, weil ich an die Zeit dachte, als ich als junger Mann ein Dauergast in Diskos war und das Tanzen eine selbstverliebte Show war, die der Verherrlichung meiner selbst gedient hatte und genau das will ich jetzt nicht. Also bleib ich stehen und lass die Musik in Wellen in mir schwingen und fühle mich sanft schaukeln auf der inneren Bewegung, die mich erfasst hat.

 

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Williams, Ali, Saran und Maria sind leider nur einmal zu uns ins Kulturcafe gekommen. Ich habe sie noch ein paar mal eingeladen, sie haben gesagt, dass sie keine Zeit haben oder dass sie vielleicht kommen ... Aber gekommen sind sie nicht.

Ich bewege mich mit meiner Einladung auch auf einem etwas unsicherem Geleis. Ich lade in einer Privatschule  als Lehrer zu einer Veranstaltung einer christlichen Gemeinschaft ein. Meine Kollegin, mit der ich den Kurs gemeinsam leite, ist aus Pakistan, deutlich an ihrem Kopftuch als Muslimin zu erkennen. Vermutlich will die Leitung nicht, dass ich im Unterricht für eine christliche Organisation werbe. 

 

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Die ganze Woche nach dem Erlebnis beim Lobpreis fühlte ich mich getragen von einer starken Energie, war ganz ohne Angst, fühlte Liebe, wollte Liebe geben, war freundlich zu den Menschen, lachte viel, war glücklich. Gott hatte mich beschenkt und ich hatte das Geschenk empfangen.

Sie lieben, meine Mitmenschen lieben, meine Gemeinde-Mitglieder lieben....

Plötzlich wurde mir klar, dass ich sie nicht liebe, dass sie mir auf die Nerven gehen, meine Gemeindemitglieder.

Mein Gott, dachte ich, du willst fremde Menschen lieben, aber nicht einmal Deine eigenen Gemeindemitglieder kannst du lieben, deine eigene Familie liebst Du nicht.

Ich saß im Gottesdienst und hörte die Worte unseres Pastors und sang die Lieder mit von Erlösung und Gnade und Liebe und hatte Angst, ich dachte daran, dass gleich der Gottesdienst zu Ende ist und dann plötzlich alle in kleinen und großen Klumpen zusammen stehen und intensiv auf sich einreden und der ganze kleine Raum erfüllt ist mit einem schallenden Lärm, den man nur durch Schreien noch durchdringen kann. Da will ich oft ganz schnell weg, schnell nach Hause, wie peinlich, irgendwo rumzustehen und nicht zu wissen, mit wem man reden soll. Alle haben sich gefunden in ihren kleinen Gruppen und scheinen fest verhakt in ihrem Gespräch, in welche Gruppe soll ich mich jetzt hineindrängen?

Wen kenne ich, von wem will ich angesprochen, von wem geliebt werden? Wer liebt mich? Niemand?

Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, dass ich so eine ähnliche Situation schon mal erlebt habe...

In der Schule. Im Gymnasium. Ich war ein Kind vom Land, einem Dorf, das zwar nur zehn km von der Stadt entfernt war, aber doch eine ganz eigene und andere Welt bedeutete.

Als ich Kind war, hatte das einzige Auto im ganzen Dorf mein Nachbar, ein Ingenieur mit einer eigenen kleinen Baufirma. Es gab noch keine Straßenbeleuchtung, keinen Asphalt auf den Straßen und alle halbe Stunde keuchte und stampfte mit großem Getöse eine Dampflok ins Dorf bzw. zu dem am Rand des Dorfes gelegenen Bahnhof, um kurz danach Richtung Stadt weiter zu rollen. Abgesehen davon war es Tags und besonders Nachts königlich still. Nur die Hähne schrien ab und zu, Hunde jaulten manchmal und Pferde wieherten, Kühe muhten und Hühner gackerten.  1500 Menschen wohnten im Dorf, ein Nachbar pflügte die Felder mit Pferden. Für uns Kinder war das Landleben das Paradies, jeder Tag ein neues Abenteuer, wie herrlich durch die Wiesen und Wälder zu streifen. Die Probleme begannen, als ich ins Gymnasium der Stadt geschickt wurde. Die Stadtkinder, die überwiegend akademisch gebildete oder gar reiche Eltern hatten hielten mich für einen dummen Bauernjungen. Es tat weh. Ich fing an zu stottern. Mein Stottern wurde später zwischen 16 und 18 so schwer, dass ich in der Schule nur noch unverständliche Wortbrocken mit hochrotem Kopf aus mir heraus stieß, wenn der Lehrer mich aufrief.

Diese Verletzung lebt noch in mir. Sie macht es mir schwer, mich dieser neuen großen Gruppe, meiner Gemeinde, zu öffnen. Ich muss meinen Mitschülern vergeben, das schoss mir durch den Kopf, als ich so in meinem Stuhl im Gottesdienst saß  und wie ich den Entschluss in die Tat umsetzte, quollen auch schon die Tränen aus meinen Augen.... Es war nicht eure Schuld, das wurde euch halt so mitgegeben, das habt ihr so gehört von euren Eltern, ich vergebe euch, ich vergebe euch.

Und dann fühlte ich, wie ich mich jetzt auch wieder den Menschen in meiner Gemeinde öffnen könnte. Es wurde mir warm ums Herz. Schließlich sind sie doch Christen, dachte ich, nicht Deine Feinde.